Heute kann ich darüber schreiben.
Nicht, weil es leichter geworden wäre, sondern weil die Wörter nicht mehr sofort zerbrechen.
Der vierte April zweitausendfünfundzwanzig war kein einzelner Tag. Er war ein Riss. Alles davor gehört zu einem anderen Leben, alles danach trägt seinen Schatten. An diesem Tag starb mein Sohn Michael.
Es war sein erster Urlaubstag auf Teneriffa, Punta Prieta, ein Ort, der nach Sonne klingt und jetzt für immer nach Metall riecht. Katharina saß neben ihm. Sie überlebte. Ein Schulterblattbruch, sagten die Ärzte. Als ließe sich das Trauma zählen. Als beginne das Eigentliche nicht erst danach – in dem Moment, in dem man neben dem Menschen sitzt, den man liebt, und begreift, dass er geht. Lange fragte sie sich, warum sie nicht gemeinsam gestorben waren. Später sagte sie leise: Michael war mein Schutzengel.
Drei Monate nach dem Unfall kam der Polizeibericht. Fünfundfünfzig Seiten Papier, schwer wie ein Ziegelstein, leicht wie Luft. Kein Warum. Keine Ordnung. Nur widersprüchliche Spuren. Zwei Tage nach dem Unglück standen wir an der Unfallstelle: seine Freunde, sein Bruder, seine Schwester, ich. Der Wagen ein Wrack. Ein zerknickter Körper aus Metall. Die Wand der Busstation beschädigt, die blauen Geländer rausgerissen.
Freunde organisierten aus der Ferne Flüge und Unterkünfte, als ließe sich Chaos logistisch besiegen. Im Krankenhaus St. Candelaria sah ich Katharina. Ein Mensch, der noch atmete, aber innerlich stehen geblieben war. Ich nahm sie in die Arme und sagte Sätze, die man sagt, wenn man nichts sagen kann:
Es wird alles gut. Du hast überlebt. Jetzt bist du das Wichtigste.
Sie weinte. Ich auch. „Ich weiß nicht, was passiert ist“, sagte sie immer wieder.
Am nächsten Tag suchten wir am Unfallort nach Erklärungen. Ein geplatzter Reifen. Fehlende Schilder. Der Schatten einer Brücke auf einer zu niedrigen Absperrung. Ein technischer Defekt. Vier Zeugen. Vier Versionen. Nichts passte zusammen. Fotos wurden gemacht, als könnten Bilder erinnern, was Menschen vergessen.
Im Fernsehen zeigten sie das Wrack. Überschlagen. Dach eingedrückt. Später wurde es verschrottet. Als wäre damit auch die Frage entsorgt worden. Ich konnte nicht akzeptieren, dass Michael schuld gewesen sein sollte. Er war ein guter Fahrer. Umsichtig. Wach. Ich sagte das der Guardia Civil. Ein Freund übersetzte meine Stimme in eine Sprache, die mir fremd war.
Im Internet sammelten sich Beileidsbekundungen und Mutmaßungen. Manche sprachen von gefährlichen Straßen, andere von Leichtsinn. Ich bat um Hinweise. Niemand meldete sich.
Die Monate danach waren schwer. Für uns alle. Für mich als Mutter waren sie dunkel. Die Frage Warum? blieb und setzte sich in mir fest wie ein Stein. Eine Depression kam. Ich dachte Dinge, die man nicht denken sollte. Ich stellte mir ihn auf dem Seziertisch vor, im Auto mit dem gespaltenem Schädel, Blut verschmiert, Gehirnmasse überall verteilt, auf Katharinas Arm. Ich hätte gern mir ihm getauscht. Warum er? Warum an diesem Tag? Am Geburtstag meiner Mutter?
Am siebenundzwanzigsten September wäre Michael zweiundvierzig geworden. Ich saß an seinem Grab auf dem Boden mit Rindenmulch bedeckt und spürte eine Schwere auf der Brust, die kaum Luft zuließ. Seine Urne liegt auf unserem Familiengrundstück, auf einem Hügel am Waldrand. Neben meiner Mutter und meiner Schwester. Ein Naturteich darunter. Rehe kommen manchmal vorbei. Ein Maulbeerbaum wächst dort, den ich einst versetzt hatte, sicher, dass er nicht anwachsen würde. Jedes Jahr trägt er Früchte. Süß. Hell. Unverschämt lebendig.
Einen Tag vor seinem Tod hatten Michael und ich lange gesprochen. Dafür bin ich dankbar wie für einen letzten Atemzug. Er war klug, humorvoll, erfolgreich. Eine gute Seele. Er sprach oft von Energieverschwendung, wenn Menschen nicht zuhören wollten. Wir sprachen auch über den Tod. Über seine Allgegenwart. Dass er überall lauern könne. Auf Skipisten, beim Snowboarden, wo er mit seinem Freunden mindestens einmal im Jahr nach Tirol fuhr. Beim Fahrradfahren, wie im September 2021 als er von Bochum aus über Altmünster nach Temeschburg zu seinen Deutsch-Rumänischen Wurzeln fuhr. Auf Straßen. Auf Wegen, die man liebt. Michael hatte Grenzen ausgelotet. War Marathon gelaufen. Hatte Europa mit dem Fahrrad durchquert. Träumte von einer Weltreise auf zwei Rädern. Kosmopolit. Fußballfan. Seine Dauerkarte wird bis heute in seinem Namen von seinen besten Freunden genutzt.
Bei seiner Abschiedsfeier sagten viele, ohne ihn wären sie nicht da, wo sie heute sind. Ich hörte zu und dachte: So misst man ein Leben.
Bei der Beisetzung kamen Menschen von weit her. Weiße Blumen für die Reinheit, Rote Rosen für die Liebe setze ich in die Erde seiner letzen Ruhestätte. Seine Lieblingsspeisen wurden gekocht: die rumänische Sarmalute mit Kartoffelpüree, Tomatensuppe, Blumenkohl- und Kartoffelsalat, seine und die Lieblingstorte der Familie, die Dobos Torte, ein Überbleibsel aus der K.u.K, der Österreichischen-Ungarischen Monarchie. Das Originalrezept József Dobos wandelte ich schon vor vielen Jahren ab ohne die fette Buttercreme, sondern die Füllung mit Sahne und Schokolade bereitet, auch fett, aber so schmeckt die Torte am besten. Beim hiesigen Metzger Gruber bestellten wir 27 Schnitzel und beim Fischhändler Trawöger 27 „Steckerlfische”, die im Sommer hier am Traunsee von vielen Einheimischen und Touristen sehr gerne angenommen werden.
Der Pastoralassistent hielt eine kurze Messe, Herbert Grönemeyer sang „Bochum, ich komm aus dir“, die Abschiedsreden wurden schon in Bochum gehalten. Diesmal übermannte mich die Traurigkeit, sodass ich keinen Ton rausbrachte, dafür ließ ich meine Aufnahme des Beatles Songs „With a little help from my friends“ laufen, die ich 2020 für die The Voice Germany aufgenommen hatte. Zum Schluss der Zeremonie spielte ich Michaels Lieblingssong „Here I go again“ von Whitesnake, Song, denn wir vom Handy auf seinem Sarg in St.Cruz in der Aufbewahrungskapelle des Krematoriums laufen ließen, bevor sein Leichnam eingeäschert wurde.
Später erzählten mir seine Schwester und meine Tochter von Träumen, in denen Michael sprach. Dass es schnell ging. Dass er nicht gelitten habe. Dass er uns vermisst, aber anders. Ob Wahrheit oder Trost vielleicht ist das kein Unterschied, er hilft.
Die letzten Weihnachten waren die traurigsten unseres Lebens.
Michael, du fehlst. Und doch geht das Leben weiter. Auch meines. Mit Kunst. Mit Schreiben. Mit Projekten. Mit dem Versuch, aus Schmerz etwas zu machen, das trägt. Ich möchte erinnern. Helfen. Etwas zurückgeben.
Passt auf euch auf. Liebt. Seid achtsam. Es kann so schnell vorbei sein.
Es gibt Tage, an denen ich fast vergesse, dass er tot ist.
Nicht bewusst. Nicht absichtlich. Es passiert in den kleinen Zwischenräumen: beim Kaffeekochen, beim Öffnen eines Fensters, beim Schreiben einer E-Mail. Für einen Atemzug ist alles normal. Dann fällt mir ein, dass Normalität nicht mehr existiert.
Die Welt hat sich nicht angehalten. Sie hat nicht einmal gezögert. Rechnungen kamen, Termine blieben, Menschen fragten, wie es mir gehe, und erwarteten eine Antwort, die man ertragen kann. Ich lernte schnell, zwei Versionen von mir zu entwickeln: die, die spricht, und die, die schweigt.
Nach außen funktionierte ich. Ich organisierte Ausstellungen, Projekte, Gespräche. Kunst half. Schreiben half. Nicht, weil es tröstete, sondern weil es Struktur gab. Wörter sind Räume. Man kann sie betreten, wieder verlassen, die Tür schließen. Gefühle können das nicht.
Manchmal, mitten am Tag, überfiel mich der Gedanke:
Er wird nie wieder anrufen.
Nicht mehr sagen: „Mama, ich bin gut angekommen.“
Nie wieder eine beiläufige Nachricht, ein Link, ein Satz, der nur für mich bestimmt war.
Ich lernte, wie Trauer sich tarnt. Sie kommt nicht immer als Weinen. Manchmal ist sie Müdigkeit. Manchmal Gereiztheit. Manchmal Leere. Und manchmal Schuld. Die Schuld der Überlebenden ist leise, aber hartnäckig. Sie flüstert: Du atmest noch.
Ich begann, andere Trauernde zu treffen. Menschen, deren Geschichten anders waren und doch gleich klangen. Unfälle. Krankheiten. Plötzliche Abschiede. Wir sagten nicht viel. Es reichte, gemeinsam zu sitzen. Schweigen ist eine Sprache, die nur diejenigen verstehen, die gezwungen waren, sie zu lernen.
Abends gehe ich manchmal zu dem Hügel. Der Maulbeerbaum wirft Schatten, die sich im Wind bewegen. Leben, das weitergeht, ohne zu fragen. Ich setze mich und erzähle Michael von meinem Tag. Nicht laut. Nicht leise. Einfach so, als wäre er auf der anderen Seite des Satzes.
Ich frage ihn nichts mehr.
Warum-Fragen führen in Sackgassen.
Stattdessen sage ich: Du fehlst.
Und manchmal: Ich halte durch.
Die Menschen sagen oft, die Zeit heile alle Wunden. Ich glaube das nicht. Zeit verändert die Form. Der Schmerz wird nicht kleiner, aber er wird anders. Er schneidet nicht mehr bei jeder Bewegung. Er liegt tiefer. Schwerer. Beständiger.
Ich habe begonnen, wieder zu planen. Das fühlt sich manchmal wie Verrat an. Und dann wieder wie Widerstand. Vielleicht ist es beides. Vielleicht ist Weiterleben die radikalste Form der Liebe.
Manchmal stelle ich mir vor, Michael würde lachen über meine Zweifel. Würde sagen, ich solle meine Energie nicht verschwenden. Er hatte recht damit. Mit vielem.
Ich trage ihn jetzt anders bei mir. Nicht mehr an der Hand. Nicht mehr in der Stimme am Telefon. Sondern in Entscheidungen. In Haltungen. In dem, was ich weitergebe.
Und an manchen Abenden, wenn alles still ist, denke ich:
Vielleicht ist das genug.
Für heute.



















