literatur

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.
– Johann Wolfgang von Goethe

Anfangs wollte ich die Geschichte der Familie schriftlich für die Kinder und Enkelkinder festhalten, daraus wurde später ein Roman „Immoschenkos Picasso und die Kinder aus Cighid“, aktuell bei einem Verlag. Mehrere Kurzgeschichten und Gedichte folgten. – Die Lektorin des Fernstudiums “Schule des Schreibens“ in Hamburg motivierte mich, weiter zu schreiben. Es ist wie eine Art Befreiung vom Ballast der Vergangenheit, ein Eintauchen in reale, erfahrene Welten oder in Zukunftsszenarien, oder in von Menschen verursachte, traumatisierte Schicksale.

Auf dem Weg, Fotografie, 2020
Blick in den Himmel, Fotografie, 2020

Der Tag danach – eine Kurzgeschichte

Vor genau einem Jahr klebte mein linkes Augenlied an meiner Pupille. Mit trockenen Augen, ausgelaugt von wachen Nächten mit rasendem Herzen eines Formel-Eins-Fahrers mit unbekanntem Ziel, fragte ich mich, und was jetzt? Mit 49 erhielt ich die Kündigung. Zu alt für die Werbebranche, dachten einige meiner jüngeren Kollegen, ohne es auszusprechen. In der Agentur müsse ein “neuer Wind wehen“, meinte mein 33 Jahre alter Yuppie-Chef, ein junger, karrieregeiler Großstadtmensch. Der “neue Wind“ ließ nicht lange auf sich warten, kurze Zeit später kam auch schon der “Sturm“ Michael, 31, ein durchgestylter Michael Mittermeier Typ, überhaupt nicht witzig, in Hugo Boss gekleidet, der mit seinem hochgezogenem rechten Mundwinkel lautlos dachte: Deine Zeit hier ist leider abgelaufen, du warst vielleicht gut, aber nicht gut genug… ohne eine Sekunde daran zu verschwenden, dass ihm irgendwann das Gleiche passieren könne. 

Freie Marktwirtschaft, Konsumkapitalismus, grenzenlose Gier nach mehr. Macht uns das glücklich? Brauchen wir das alles? Die Nachbarn, die Werbung, die Medien ließen es nicht zu, sie vermittelten uns ständig, dass wir unbedingt mehr brauchen und um dieses mehr unterzubringen, benötigen wir auch mehr Platz, ein größeres Haus, einen Pool, einen schöneren Garten usw. und schneller als wir denken, sind wir vom Job abhängig, von mobbenden Chefs und von Bankangestellten, die wir nicht verärgern dürfen.

Nach meiner Kündigung arbeitete ich als selbständige Freelancerin und irgendwann kam der Tag der Erkenntnis, als ich diese ganze Auftragsbettelei satt hatte und mir sagte, ab heute führst du Tagebuch, und wer weiß, eines Tages machst du ein Buch daraus, und wer weiß, vielleicht wird es ein Bestseller. Frank Schätzing hatte es auch geschafft, dachte ich.

Ich schränkte mich ein, lebte bescheiden von meinen Ersparnissen in einer kleinen Wohnung am Rande Berlins. Das Auto tauschte ich gegen ein Fahrrad, verschenkte meinen Fernseher, ernährte mich bewusster, ich lebte auf jeden Fall gesünder und zufriedener. 

Und was käme danach? Ein anderes Buch, dann noch eins und so weiter. Und falls ich berühmt werden sollte, wie würde ich mich dann verhalten? Na ja, was Autoren eben so machen, Lesungen, Autogramme schreiben, für den ersten Roman 10% vom Verkauf eines jeden Buches kassieren und warten, dass hunderte meiner Bücher über die Ladentische gehen, dann plötzlich “Freunde“ auftauchen, die mich eigentlich schon längst vergessen hatten mit dämlichen Fragen wie: „Wie fühlt man sich als Bestsellerautor?“ Dann würde ich antworten, das, was sie nicht hören mögen, weil sie in den Mühlen des Hamsterrades gefangen sind: „Bestens, mir ist es noch nie so gut gegangen, denn ich lebe mein Wunschleben!“

Und was mache ich, wenn der Erfolg ausbleibt? Dann sitze ich eben eine weitere Ewigkeit an meinem Schreibtisch über die Tastatur des Computers, schreibe pausenlos und versuche hinter den Absagen der Verlage irgendwelche geheime Botschaften zu enttarnen. 

Cogito ergo sum – Ich denke also bin ich, so wie der alte Philosoph Descartes 1641 schrieb, Zitat: „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem ‘Ich‘, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“ 

Ich schreibe, also bin ich.

Und am Ende, nach dem Tag danach sehe die Welt nicht anders aus, ob berühmt oder nicht, würde ich mich wie Millionen andere mit den Würmern unterhalten und bestenfalls werden die mich fragen, was ich zurückblickend anders machen würde. Nichts.

Meine Antwort dazu wäre: Ich bin zufrieden mit mir selbst gegangen und meine schöne Erinnerungen nahm ich mit. Ein philosophischer Wurm würde dann antworten: Das können nicht viele von sich behaupten … am Tag danach.