literatur

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.
– Johann Wolfgang von Goethe

Anfangs wollte ich die Geschichte der Familie schriftlich für die Kinder und Enkelkinder festhalten, daraus wurde später ein Roman „Die Unwiederbringlichen – Imoschenkos Picasso und die Kinder aus Cighid“. Mehrere Kurzgeschichten und Gedichte folgten. Es ist wie eine Art Befreiung vom Ballast der Vergangenheit, ein Eintauchen in reale, erfahrene Welten oder in Zukunftsszenarien, oder in von Menschen verursachte, traumatisierte Schicksale.

Auf dem Weg, Fotografie, 2020
Blick in den Himmel, Fotografie, 2020

Johanna

Johanna, die ältere Dame aus dem dritten Stock, lebte alleine, erzählte sie Maria unten im Supermarkt auf der Wittener Straße, in der Nähe der Straße, auf der Maria 27 Jahre gelebt hatte. Maria half ihr, die Einkaufssachen in der Wohnung zu tragen. Sie hätte viel zu viel eingekauft, das passierte ihr oft in der letzten Zeit, sagte Johanna, warum, das wüsste sie nicht, sie hätte doch niemandem, den sie bekochen könne, keinen Ehemann, keine Kinder, keine Enkeln. Ihre Stimme wurde leiser und nachdenklicher.  

Der Mann wäre schon längst verstorben, vor 16 Jahren an Lungenkrebs. Das wäre bestimmt die schlechte Luft gewesen, die Zeche, die Industrie, die vielen Autos, kein Wunder, dass man da krank wurde, sagte Johanna etwas resigniert. 

Johanna musste in ihrem jungen Jahren mal sehr hübsch gewesen sein, dachte Maria, das sah sie in ihren feinen Gesichtszügen zwischen den vielen Falten, umrahmt vom kurzen, weißgrauen, nachts in Lockenwickler eingelegtem Haar und die grünen, traurigen Augen. Sie machte einen gepflegten Eindruck mit ihrer weißen Bluse mit goldenen Knöpfen, dazu den hellgrauen, knielange Rock mit Weste, den hellgrauen Strümpfen und den dunkelgrauen Schuhen. Eine schöne Omi, dachte Maria, ohne Enkel, weil auch der einzige, kinderlose Sohn vor vier Jahren bei einem Autounfall gestorben war. Die Schwiegertochter würde sie doch einmal im Jahr besuchen kommen, sie wohne in Frankfurt und hätte nicht viel Zeit, sie sei selbständig und müsse viel arbeiten. 

Das alles erzählte sie Maria auf dem Weg nach oben zur ihrer Wohnung, so als solle Maria alles erfahren, wie es um sie stünde und hoffentlich hätte sie nichts vergessen. An der Wohnungstür angekommen, bedankte sie sich bei Maria und lud sie auf ein Kaffee ein. Maria bedankte sich herzlich, sie hätte es sehr gern gemacht, aber sie müsse jetzt nach Hause, ihre Kinder und Enkeln würden bald kommen, Maria hätte sie zum Essen eingeladen, es gäbe gebratenen Fisch, Kartoffelpüree und Dillsoße. Ein andermal gerne. Die alte Dame bedankte sich noch einmal und sagte bis hoffentlich bald. Die Tür der Wohnung fiel ins Schloss.

Hinter der Wohnungstür zog Johanna ihren Frühlingsmantel aus, hing ihn auf dem Garderobenständer im kleinen Flur, das seidene Tuch mit Pfingstrosen, das ihr Mann zu ihrem 38. Geburtstag geschenkt hatte, hing sie über den Mantel, zog die Schuhe aus und die flauschigen Hausschuhe an, schaute sich im Spiegel an, sie wolle nicht mehr, die Einsamkeit, der tote Mann, der tote Sohn, die Totenstille in der Wohnung, der Lärm und das Leben draußen, der wöchentliche Gang zur Tafel, weil ihre Rente nicht reichte, sie wollte nicht mehr. Aber wie solle sie es anstellen, Tabletten hatte sie nicht, wer würde ihr Todestabletten verschreiben, kein Arzt in Deutschland. Für Holland und der Schweiz, wo nach zwei Gutachten zweier Ärzte und 6.000 Euro man sterben durfte, hatte sie kein Geld und sich vor dem Zug  werfen und andere damit zu belasten wollte sie nicht, außerdem ertrug sie nicht den Gedanken, ihren Körper zerfetzt auf die Schienen zu verteilen. Mit dem Messer die Pulsadern aufzuschneiden war auch keine Option, sie konnte kein Blut sehen, obwohl, das wäre dann auch egal, dachte sie. 

Sie ging ins Schlafzimmer, öffnete die Hälfte des Kleiderschranks, wo ihre eleganten Kleider teilweise in Schutzhüllen hingen, die andere Hälfte war noch von den Kleidern ihres Mannes besetzt. Sie konnte und wollte sie nicht wegschmeißen, so blieb auch nach seinem Tod sein Geruch in der Wohnung. Dann öffnete sie beide Hälften, drückte ihr Gesicht gegen die Anzüge und Hemden ihres toten Mannes, atmete tief ein. Dann wechselte sie die Hälfte und holte ihr schönstes Kleid von der silbernen Hochzeit heraus, legte es auf dem Sessel und die weißen ledernen Schuhe dazu, die seidenen Strümpfe und den weißen Schal aus weicher Wolle, den sie so gerne trug. Ihre Entscheidung stand fest. Johanna ging in die Küche, drückte auf dem roten Knopf des Wasserkochers, holte eine Teetasse aus dem Küchenschrank heraus und ein Teebeutel aus der Teedose mit Hagebutten Geschmack. Sie hatte keinen Hunger, obwohl die letzte Mahlzeit schon lange her war. Mit der Teetasse in der Hand ging sie ins Wohnzimmer setzte sich in ihrem Blumenohrensessel und legte die Hand auf die Fernbedienung. Sie zögerte. Der Fernseher blieb still. Johanna schloss die Augen. Bilder aus der Vergangenheit tauchten plötzlich auf, sie spürte den warmen Sommer unter den Fußsohlen im Sand als sie an der Seite ihres Mannes am Ostseeufer spazierte. Ich liebe dich, du fehlst, sagte sie leise, bald sehen wir uns wieder und schlief auf dem Blumenohrensessel friedlich ein. 

Sieben Tage später lief Maria die Treppen zur Wohnung der alten Dame hinauf, sie machte sich Sorgen und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Johanna nicht zu sich eingeladen hatte, sie hätte die Worte der alten Dame verstehen müssen und ihre Einsamkeit bemerken. Jetzt wollte sie Johanna besuchen und sie für Sonntag zum Essen einladen. Sie klopfte an der Tür und lauschte, niemand antwortete, dann klopfte sie und rief Johanna, ich bin es, ich wollte sie zum Kaffee einladen. Die Nachbarin öffnete die Tür, es täte ihr leid, aber die alte Dame sei vor drei Tagen verstorben, der Verwesungsgeruch verriet ihren Tod, man fand sie in ihrem Blumensessel, sie soll friedlich ausgeschaut haben. Ob Maria eine Verwandte sei, fragte die Nachbarin, weil seit sie hier wohne, hätte sie noch niemanden die alte Dame besuchen sehen. Nein, antwortete Maria, sie sei keine Verwandte, nur eine Bekannte. Maria bedankte sich für die Auskunft und lief die Treppen mit einem beklemmenden Gefühl runter. Wie gerne hätte sie sich heute Zeit für Johanna genommen.